Die Tage werden kürzer und der eine oder andere entstaubt schon wieder fröhlich seine Herbstdepressionen, weil die ja so gut zu den Wintersocken und Omis selbstgehäkeltem Pullover passen. Wann, wenn nicht zum ersten Kälteeinbruch, könnte es auch noch naheliegender sein, sich im warmen Kämmerlein zu verkriechen und sich selbst zu zelebrieren? Meine Ideen sind begrenzt.
Doch es geht auch anders. Ganz im Sinne des adoleszenten Sturm und Dranges rufe ich laut zum Gegenangriff auf! Mein Wochenende begann am Freitag in einer überschaubaren weil fünfköpfigen Herrenrunde mit einem mittelgroßen Schnitzel und einer Biersäule in unserer Mitte. Während es dank der großzügigen Küchenfee bei einem Schnitzel blieb, musste die Säule noch vor der Nahrungsaufnahme aufgefüllt werden. Während also der Füllstand langsam aber stetig wieder in Richtung Augenhöhe sank, stieg die Stimmung und die knurrenden Mägen verstummten. Nach einer Weile kam ich mit meinem Tischnachbarn ins Gespräch. Er war zu Besuch in unserer schönen Wahlheimat und saß nun mit seinen 2 Söhnen, dem guten Richard und mir an einem Tisch und schien sich durchaus wohl zu fühlen. Irgendwann wurde seine Stimme ernst und er gestand mir seine Beschäftigung als Hüter des Gesetzes. Wer mich kennt, der weiß, dass Polizisten nicht gerade meine tiefste Zuneigung genießen. Ich muss aber auch zugeben, dass ich dafür nie einen ernst zu nehmenden Anlass gehabt hätte, nein, sie sind mir einfach unheimlich. Jedenfalls wurde mir diese Information schon lange vor diesem Abend zuteil und er schien fast erleichtert, dass ich nicht in paranoides Schweigen verfiel. Im Laufe der Nacht folgten dann noch so einige Kurze und Blonde auf dem heimischen Balkon und Gesprächsthemen von A bis Z und wieder zurück. Ich hätte nie gedacht, dass es so viel Freude bereiten kann tiefgründige Diskussionen über Napoleon, Weltpolitik, Technik und unsere eigentlich ziemlich ähnlichen Berufsalltage zu führen. Seine Söhne und Richard können es sich bis heute nicht vorstellen aber das war für uns „subsidiär“.
Nachdem ich dann nun die erste Nacht des Wochenendes überstanden hatte, folgte gestern Abend eine kleine Kneipentour durch unsere illustre Thekenlandschaft. Der Startschuss fiel in einem gemütlichen Fachwerkhaus bei Weizen und Korn zu studentenfreundlichen Tarifen. Nach zwei Runden verabschiedeten wir uns von unserer Kellnerin mit großzügigen Trinkgeldern und zogen nach einer kurzen Begegnung mit einem Bauzaun in eine noble Cocktailbar ein. Wem das bunte und tropisch getrimmte Flair nicht schon beim Betreten der Örtlichkeit auffiel, der bekam spätestens beim Blick auf die Preise mittelschwere Hitzewallungen. Auf den ersten Schock einen Tequila! Bestellt, geleckt, geschluckt, gebissen… Und dann das einstimmige Urteil: einer reicht. Die Cocktails glänzten dafür sowohl mit Geschmack als auch Gehalt und sorgten dann doch für ein gutes Preis-Leistungs-Empfinden. Die letzte Bar auf unserem Ausflug glänzte dann durch gutbürgerlichen Stil und gediegenes Ambiente. Also zurück zum Weizen und, weil das Trauma inzwischen schon abgeklungen war, eine neue Runde Tequila. Den anschließenden Besuch im Stripclub muss ich ja beim Thema Kneipentour nicht näher beschreiben.
So habe ich also an nur zwei Tagen einen sehr angenehmen Zeitgenossen kennen gelernt, den ich mit Sicherheit im Schneidersitz auf dem Sofa sitzend in Erinnerung behalten werde, die örtliche Gastronomie beehrt und somit ein Stück den Wirtschaftsmotor angetrieben und zudem wieder einige wertvolle Momente mit Freunden verbracht. Wer da noch Zeit für Herbstdepressionen finden könnte, der täte dies wohl mit Absicht.
In diesem Sinne, Leute geht raus, mobilisiert eure Freunde und macht euch eure gute Laune selbst!
Hochachtungsvoll,
Karl Prall


