Was bleibt ist die Erinnerung

viele kommentare

In einem kleinen alten Haus, da wohne ich. Doch ich selbst zeige mich jung, keine Falten, kein Buckel, keine Altersleiden. Vielleicht liegt es daran, dass ich die kleine frische Sausefee hier war.

Meine Eltern habe ich nie kennengelernt, ich weiß nicht was mit ihnen ist und warum sie mich gerade vor dem Tore dieses Hauses niederlegten und weshalb sie eine Kindheit und Jugend bei diesen alten Frauen für mich wählten. Versteht es nicht falsch, aber ich vermisse meine Eltern nicht wirklich. Die schönste Kindheit, die ich hätte haben können, fand ich hier.

Ein neuer Morgen schleicht sich durch die kaputten Stellen meiner Fensterläden. Ein Sonnenstrahl streift mein Gesicht und flüstert: „Steh auf Schlafmütze.” So strecke ich die müden Glieder und tapse Richtung Fenster. Vorsichtig öffne ich die klapprigen Fensterläden. Abblätternde Farbe kommt mir entgegen, doch das bin ich inzwischen gewöhnt. Die warme Sonne des Spätsommers tunkt Holz und Lack in angenehme, zig verschiedene  goldgelbe Farben.

Ich sollte erwähnen: Es ist mein letzter Tag in der Heimat. Schon heute Abend breche ich auf in die große Welt und lasse mein kleines glückliches Märchen eines Zuhauses hinter mir. Ein letztes Mal  bin ich umgeben vom Charme der wackeligen Mauern. Ich muss noch einmal alle Eindrücke aufsaugen, damit ich sie für immer in meinem Herzen halten kann. Wer weiß, was die Welt aus mir macht und ob mich der Wind noch einmal hier her trägt. Was bleibt ist die Erinnerung.

So streife ich durch alle Zimmer. Die leicht rostige Mundharmonika auf dem Tisch fällt in meinen Blick. Ich nehme sie in die Hand und spiele das einzige Lied, welches mir die alten Frauen geschafft haben beizubringen. Nein, musikalisch war ich wirklich nie. Ein schmunzeln zeichnet meine Lippen bei den Erinnerungen an die Folkloreabende der alten Damen. Wie gern tanzte ich komplett aus dem Rhythmus inmitten der Erwachsenen und wir lachten herzlich und unbeschwert. Dazu spielte das Radio seine Klänge. Ich stehe vor ihm, es funktioniert schon lange nicht mehr. Keine wilden Melodien lassen sich ihm entlocken. Noch einmal streiche ich über die staubige Oberfläche.

„Gong” macht es und mein Blick fährt herum: Nein nicht die Klingel hat Ihre Stimme hören lassen. Es war lediglich die große Uhr an der Wand. Wie monströs und unheimlich ich sie früher empfand, wie meine Knie zitterten, wenn ihr halbstündiges Geläute ertönte. Erst jetzt achte ich auf die Zeit. Mir wird bewusst, dass ich den halben Tag verschlafen habe. Auf in den Keller, denn dort wartet mein Koffer darauf gepackt zu werden und den Wunsch kann ich ihm leider nicht abschlagen. Zwischen allerlei Gerümpel  lächelt er mir zu und ich mache mich daran ihn frei zu räumen. Gerade als ich schon wieder nach oben gehen will erblicke ich den Schraubstock und so manch anderes Werkzeug. Die einzige Zeit, in der eine männliche Person sich zwischen die Weiblichkeiten traute war, wenn etwas repariert werden musste und der einzige Herr, der sich darum kümmerte wohnte ein paar Straßen weiter. Alfred war sein Name und ich machte es mir stets zur Aufgabe Recherche über sein Gebohre und Gesäge anzustellen. Ich mochte ihn sehr gern, denn stets erfand er die lustigsten Geschichten, aber er pflegte nie wirklich meine Fragen zu beantworten. Eines Tages ging er von uns, genauso wie einige der alten Frauen. Mit ihnen starb jedesmal auch ein kleiner Teil meines Herzens und ich weinte viel. Die Feste wurden weniger und dünn besiedelter. Manchmal änderte sich die Stimmung und oft versuchten mir die Frauen bewusst zu machen, dass einmal alles anders kommen wird und ich ernster werden muss. Was sie mir sagen wollten verstand ich aber erst vor ein paar Wochen, als die letzte ihre leere Hülle auf der Erde hinterließ. So kam ich zu meinem Entschluss. Ja, ich muss hinaus, muss sehen, was die Welt mir geben kann.

Ich steige mit meinem Koffer die Treppen hinauf. Vorbei am Telefon, zu dem ich eigentlich nicht mehr Bezug habe als ein altes Foto. Zu sehen sind mein kleiner Kinderkopf und ein Riesenhörer. Nie wurde hier wirklich telefoniert. Doch früher spielte ich es ganz gern. Dann telefonierte ich mit großen Drachen und erzählte dem Niemand am Telefon abenteuerlichste Geschichten.

Nicht viel habe ich mitzunehmen. Ich habe nie viel besessen und die meisten Dinge lasse ich hier. Sie würden mich doch nur in Lethargie versetzen und ich will weiterkommen, vorwärts kommen. Meinen Koffer trage ich nun bis zum alten Trabi im Vorgarten, der mich von hier wegbringen soll. Ob er wirklich funktioniert kann ich nur hoffen. Er gehörte einer der alten Frauen. Es war gerade diejenige, welche die schlechtesten Augen besaß und Autofahrten endeten zumeist rasant. Sie selbst nahm das schlechte Sehen nicht sonderlich ernst. „Irgendwie finde ich schon mein Ziel”, pflegte sie stets zu sagen. Seltsam vor mich hin kichernd stelle ich mein Reisegepäck ab. Einen letzten Spaziergang entlang der Gärten kann ich mir nicht verwehren. Hinaus zum kleinen Gartentor. Mal wieder kämpfe ich mit dem rostigen Schloss. Eigentlich hat es nicht sonderlichen Sinn, denn wer will schafft es ohne Probleme drüber zu hüpfen. Genau genommen wirkt das Tor inmitten des hohen Stacheldrahtzauns verloren. Aber wir hingen an ihm so blieb es auch bestehen, als wir den schon damals leicht lädierten Zaun bekamen. Den Weg entlang der Gärten schreitend komme ich auch am bestimmt unnötigsten Schild der Gegend vorbei. Heinrichs waren der Meinung ihre Nachbaren entsprächen nicht ihrem Standard und seien Bagasch. So war ein Schild, das vor Müllablagerungen in ihrer Nähe, dem Waldfrieden, warnte, dringendst nötig. Ohne dieses wäre ich sicher nie auf die Idee gekommen Gerümpel hier abzuladen, jedoch wurde ich dadurch des Öfteren angestiftet.

zur-geschichte-ganz-schon-alt

Die Sonne hat ihren Zenit schon lang überschritten und so entschließe ich mich dem Vorhaben alle Brücken hinter mir abzubrechen zu widmen. Wieder zurück durch das Tor in Richtung Trabi. Ehe ich mich versehe läuft der Motor und Tatsache die Räder rollen. Ich weiß noch gar nicht wohin es mich verschlägt. Ich hoffe doch ich finde meinen Platz. Ich denke ich muss verrückt sein, naiv und weltfremd, welcher Wahnsinn lässt mich ins Ungewisse ziehen. Begleitet von Angst und kaltschweißigen Händen tucker ich die Straße entlang. Ein Zurück das gibt es nicht nur ein letzter Blick. Nun bin ich auf und davon.

gepostet von anne am 6. Oktober 2008 um 20:39

veröffentlicht in geschichten

viele kommentare

trackback
willst du auf den laufendem bleiben, was die kommentare angeht, dann abonniere doch den feed.

  1. Karl Prall

    6 Okt 08 um 20:55


    Mit Verlaub, ich bin beeindruckt.

  2. chris

    7 Okt 08 um 16:31


    bei den bildern ist eins von mir dabei..freu

  3. anne

    7 Okt 08 um 16:53


    na da, dankeschön freut mich zu hören :)

  4. René

    7 Okt 08 um 19:47


    Echt geil, aber ich hatte kaum etwas anderes von dir erwartet. Netter Schreibstil.

hinterlasse ein kommentar

bitte sei höflich und bleibe beim thema. deine e-mail wird nicht veröffentlicht. unerwünschte werbung ist schuld am aussterben der einhörner und wird daher sofort entfernt. willst du hier werben dann schaue doch da nach.